Wie viel Wert ist meine Bude? Klassische und alternative Unternehmensbewertung.

Autoren: Philipp J. Gamper (Fachbereich Corporate Finance & Tax) | Florian Burger (Fachbereich Controlling & Accounting)
20. Oktober 2019

Wie viel Wert ist meine Bude? Klassische und alternative Unternehmensbewertung

In Zeiten von „Die Höhle der Löwen“, „Shark Tank“, „2 Minuten, 2 Millionen“ und „Dragons‘Den“ werden nicht mehr nur Finanzexperten, Investoren und Unternehmer mit dem Begriff der Unternehmensbewertung konfrontiert, auch das weniger fachkundige Publikum geht damit auf Tuchfühlung.

Sowohl Gründer, etablierte Unternehmer, Investoren und Banken beschäftigen sich mit dem Thema Unternehmenswert insbesondere dann, wenn ein Kauf/Verkauf, Beteiligung oder Finanzierung eines Unternehmens bevorsteht. Doch was genau ist ein Unternehmen eigentlich wert und wie wird dies ermittelt?

Unabhängig von dem zum Einsatz kommenden Bewertungsverfahren ist im Vorfeld einer Bewertung immer zu klären, zu welchem Zweck eine Unternehmensbewertung durchgeführt werden soll. Die Zweckabhängigkeit des Unternehmenswertes hat einen bedeutenden Einfluss auf dessen Ergebnis. Unterschiedliche Bewertungszwecke führen zu unterschiedlichen Unternehmenswerten.

Die Unternehmensbewertung zur Ermittlung der Erbschaftssteuer wird andere Aspekte berücksichtigen, als eine Unternehmensbewertung zur Ermittlung eines Kaufpreises für einen potenziellen Investor. Dort wo ein Investor eine niedrige Bewertung anstrebt, erwarten Verkäufer des Unternehmens eine möglichst hohe Bewertung. Wird ein unabhängiger Experte zur Bewertung beauftragt, versucht dieser unabhängig von verschiedenen Interessen den objektiven Wert zu ermitteln. Die Praxis zeigt, dass nicht nur quantitativen Informationen, sog. Hard Facts, sondern auch Soft Facts wie Sozialkapital, Wissensvermögen, Humanvermögen und die Unternehmenskultur, dabei von Bedeutung sind.

In der Vergangenheit wurden Unternehmen vielfach auf Basis historischer Gewinne bewertet, später hielt das Substanzwertverfahren Einzug in die Unternehmensbewertung, welches durch das Ertragswertverfahren ergänzt wurde. Letzteres galt bei vielen bis in die 2000 Jahre als einziges akzeptiertes Standard-Verfahren für die Unternehmensbewertung.

Beim Substanzwertverfahren wird ermittelt, welche finanziellen Mittel man benötigen würde, um das Unternehmen in der aktuellen Aufstellung neu aufzubauen. Dabei wird errechnet, welchen Wert Gebäude, Maschinen, usw. nach Abzug der Schulden haben.
Bei der Ertragswertmethode werden die bereinigten Ergebnisse der vergangenen Geschäftsjahre betrachtet und Prognosen für den Fortbestand des Unternehmens getätigt. Ergänzt wird dies um die Zinsen, welche sich der Käufer erwartet um eine angemessene Rendite zu erhalten.

Durch die Globalisierung der Unternehmen mit weltweiten Transaktionen, etablierte sich auch das Discounted Cash-Flow-Verfahren und wird neben dem Ertragswertverfahren als Standard angewandt. Das Verfahren geht einen ähnlichen Weg wie das Ertragswertverfahren, berücksichtigt aber nicht die prognostizierten Gewinne, sondern die freien Cashflow, also die Zahlungsüberschüsse, als Berechnungsgrundlage.

Unabhängig von der Methode zur Ermittlung des Unternehmenswerts, werden verschiedene qualitative Zusatzinformationen benötigt um eine Bewertung durchzuführen. Nicht jedes Unternehmen hat ein Firmenvideo oder eine Pressemappe. Dennoch sollten ein zusammenfassendes Prospekt bzw. eine Imagebroschüre vorhanden sein, auch um eine Vorstellung der Unternehmensphilosophie zu erhalten.

Führt ein Unternehmen ein sogenanntes „Weißbuch (white book)“ so kann dieses Auskunft geben und Daten liefern über Planzahlen & Bilanzen, Unternehmensstrategie, Markt & Wettbewerb, Organisation & Rechnungswesen, Technik & Produktion, relevante Verträge & Schutzrechte, Unternehmenskultur und Dienst- und Arbeitsverhältnisse. Im Rahmen von Unternehmensanalysen können Unternehmen dabei die Gelegenheit nutzen und ihre Unterlagen für eine Unternehmensbewertung ergänzen – die Vorgehensweise ist dieselbe.

Die Bewertung von jungen Wachstumsunternehmen im Startup-Bereich hingegen erweist sich in der Praxis als äußerst schwierig und ist geprägt von einer Vielzahl an unsicheren Variablen. Obgleich in vielen Fällen Multiplikatoren angewandt (z.B. ein Vielfaches des Umsatzes), ist es meist auch einfach das “Bauchgefühl“ seitens der Investoren, welches am Ende des Tages in Zahlen ausgedrückt wird. Historische Fakten und Daten sind fast immer unzureichend vorhanden, Gewinne werden meist keine erzielt. Ein alternatives, von den Autoren entwickeltes Modell der Startup-Bewertung, soll im Folgenden erstmals skizziert dargestellt werden:

Der Bewertungsansatz weist eine Verknüpfung aus quantitativen und qualitativen Variablen auf und ist standardisiert und einfach in der frühen Lebensphase von Startups anwendbar. Dennoch soll der Risikogewichtung eines Investments genügend Platz eingeräumt werden. Die prognostizierten freien Zahlungsströme werden auf den heutigen Tag abgezinst und mit dem Ergebnis eines branchenspezifischen, modifizierten Multiplikators verrechnet. Der Abzinsungsfaktor der Zahlungsströme wird dabei je nach Alter des Startups mit 30 bis 50 Prozent angesetzt. Der berechnete Multiplikator wird dabei je nach persönlicher Einschätzung, um 0 bis 10 Prozent für jeden der folgenden qualitativen Bewertungsbereiche gekürzt: Produkt, Team, Geschäftsmodell/Wachstumspotenzial, Markt, Vertrieb, Wettbewerb, regulatorisches Umfeld und Kapitalintensität des Investments.

Mit dieser Methode soll dem prognostizierten Businessplan, harten Marktfaktoren und der persönlichen Einschätzung des Investors in einer kombinierten Weise Rechnung getragen werden.

 

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